
Ein atmosphärisches Survival-Abenteuer, das mit brutaler Welt und emotionaler Wucht überzeugt – aber auch frustriert.
Hell is Us entführt Spieler in eine apokalyptische Welt ohne Kompromisse: bedrückend schön, fordernd und oft rätselhaft. Doch zwischen genialer Atmosphäre und kryptischer Spielmechanik bleibt ein zwiespältiger Eindruck.
Es gibt Spiele, die den Spieler mit offenen Armen empfangen – und dann gibt es Hell is Us. Das von einem kleinen, aber ambitionierten Team entwickelte Action-Adventure für die PlayStation 5 wirft den Nutzer ohne Vorwarnung in eine zerstörte, von Leid und Verzweiflung geprägte Welt. Keine Handholding, keine Quest-Marker, keine Erklärungen. Nur eine beklemmende Stille, unterbrochen vom Knirschen zerbrochener Strukturen und dem fernen Stöhnen der Verdammten. Das Spiel ist kein Spaziergang, weder mechanisch noc
Die Prämisse von Hell is Us ist simpel, aber effektiv: Die Welt ist am Ende. Nicht mit einem Knall, sondern mit einem Wimmern – oder besser gesagt, mit einem kollektiven Aufschrei der Verzweiflung. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines namenlosen Protagonisten, der sich durch eine von rotem Nebel durchzogene Ruinenlandschaft kämpft, in der Leichen an Stricken baumeln und über allem ein zynisches „Herzlich Willkommen“-Banner prangt. Die Atmosphäre ist erdrückend, fast greifbar, und wird durch einen herausragenden Art-Style (5/5) verstärkt, der zwischen expressionistischer Malerei und postapokalyptischem Realismus oszilliert. Jeder Winkel dieser Welt fühlt sich wie ein Gemälde an – eines, das man lieber nicht zu lange betrachten möchte.
Die Atmosphäre (5/5) ist zweifellos die größte Stärke des Spiels. Sie ist so dicht, dass man sie fast schmecken kann: metallisch, bitter, mit einem Hauch von Asche. Der Sound (4/5) unterstützt dies perfekt – ambient, bedrohlich, manchmal fast unheimlich leise. Die Geräuschkulisse besteht aus fernem Grollen, dem Knacken von Holz und dem gelegentlichen Schrei eines Wesens, das nicht mehr ganz menschlich wirkt. Die Musik (2/5) fällt dagegen ab. Sie ist oft zu dezent, manchmal sogar störend unpassend, und schafft es selten, die emotionale Wucht der Bilder zu unterstreichen.
Doch Hell is Us lebt nicht nur von seiner Ästhetik. Das Spiel fordert den Spieler auf Schritt und Tritt heraus – und zwar nicht nur durch seine brutalen Kämpfe. Die Rätsel sind anspruchsvoll, manchmal sogar frustrierend kryptisch. Es gibt keine Hinweise, keine Logik, die sich auf den ersten Blick erschließt. Man steht vor einer Tür, die sich nur öffnet, wenn man drei unsichtbare Symbole in der richtigen Reihenfolge berührt – und muss selbst herausfinden, wo diese Symbole versteckt sind. Das ist clever, aber auch anstrengend. Besonders die Sidequests leiden unter dieser Undurchsichtigkeit. Sie sind zahlreich, aber oft so vage formuliert, dass man sie nur durch Zufall oder stures Ausprobieren abschließen kann. Das Gameplay (3/5) ist damit ein zweischneidiges Schwert: Es belohnt Geduld und Experimentierfreude, bestraft aber auch jeden, der nicht bereit ist, sich stundenlang mit Trial-and-Error aufzuhalten.
Die Kampagne selbst ist linear, aber nicht weniger fordernd. Gegner gibt es zwar nur in begrenzter Vielfalt, doch ihre Angriffe sind tödlich präzise und zwingen den Spieler, jeden Kampf mit Bedacht anzugehen. Die Steuerung fühlt sich schwerfällig an, was die Beklemmung noch verstärkt – man ist nicht der Held, der mühelos durch die Hölle schreitet, sondern ein verlorener Wanderer, der sich mit letzter Kraft durchkämpft. Die Story (2/5) bleibt dabei leider blass. Sie ist vorhanden, aber so fragmentarisch und symbolbeladen, dass man sie oft nur erahnen kann. Wer eine klare Erzählung erwartet, wird enttäuscht sein. Hell is Us erzählt seine Geschichte nicht – es lässt den Spieler sie spüren, in den Ruinen, in den Gesichtern der wenigen Überlebenden, in der ständigen Präsenz des Todes.
Emotional ist das Spiel ein Kraftakt. Es löst eine ganze Palette von Gefühlen aus: Spannung, wenn man sich durch eine dunkle Gasse schleicht, Trauer beim Anblick einer verlassenen Kinderschaukel, Staunen über die Schönheit des Verfalls, Melancholie und Sehnsucht nach einer Welt, die es nicht mehr gibt. Vor allem aber Einsamkeit. Man fühlt sich verloren in dieser Welt, und das ist kein Zufall. Hell is Us will, dass man sich verloren fühlt. Es ist ein Spiel, das den Spieler konsequent allein lässt – und das in einer Branche, die sonst oft auf Handholding und Belohnungssysteme setzt, eine mutige Entscheidung.
Doch dieser Mut hat seinen Preis. Hell is Us ist kein Spiel, das man mal eben nebenbei spielt. Es verlangt Hingabe, Geduld und die Bereitschaft, sich auf etwas einzulassen, das nicht immer fair oder zugänglich ist. Es gibt Momente der Langeweile, wenn man stundenlang vor einem Rätsel sitzt, ohne einen Schritt weiterzukommen. Es gibt Frustration, wenn man zum dritten Mal an derselben Stelle stirbt, weil ein Gegner einen Angriff hat, den man einfach nicht kommen sieht. Und es gibt das Gefühl, dass man trotz all der Stunden, die man in diese Welt investiert hat, nur einen Bruchteil von ihr verstanden hat.
Am Ende bleibt ein zwiespältiger Eindruck. Hell is Us ist ein besonderes Spiel, eines, das sich weigert, den Erwartungen zu entsprechen. Es ist kein Titel für jeden – aber für diejenigen, die bereit sind, sich auf seine düstere Vision einzulassen, bietet es ein Erlebnis, das lange nachhallt. Mit einer Wertung von 70/100 ist es kein Meisterwerk, aber ein faszinierendes, unvergessliches Experiment. Wer bereit ist, sich auf seine Härten einzulassen, wird belohnt mit einer der intensivsten und atmosphärisch dichtesten Welten, die das Medium in den letzten Jahren hervorgebracht hat. Wer jedoch klare Strukturen, eine zugängliche Erzählung oder ein ausgewogenes Gameplay sucht, sollte besser die Finger davon lassen.
Fazit: Hell is Us ist kein Spiel, das man liebt – es ist eines, das man erträgt, bewundert und am Ende vielleicht sogar fürchtet. Und genau das macht es so einzigartig.
Diese Seite verwendet technisch notwendige Cookies sowie — mit deiner Zustimmung — anonymes Besucher-Tracking. Kein Tracking durch Dritte. Mehr erfahren
Session-Verwaltung und Consent-Speicherung. Ohne diese Cookies funktioniert die Seite nicht.
patkeks · Session · 30 Tagecookie_consent · Einstellungen · 1 JahrAnonymes Zählen von Seitenaufrufen. Die IP-Adresse wird vor der Speicherung gehasht und nicht im Klartext gespeichert. Kein externer Dienst, keine Weitergabe an Dritte.
vid · Besucher-ID · 1 Jahr